Über Filmzeitschriften
Es gab zwei Anlässe, bei denen ich meinen Mangel an Kenntnissen der französischen Sprache ernsthaft bedauerte. Der eine war ein Mädchen auf einem Campingplatz bei La Rochelle, der andere, als ich zum ersten Mal eine alte Ausgabe der Filmzeitschrift “Cahier du Cinema” vor mir liegen hatte. Anhand einzelner Stichworte musste ich mir zusammenreimen, auf welch aufregendes Dokument des europäischen Kinos ich blickte. Zum Glück gibt es noch viele andere gute und einige herausragende Zeitschriften, die sich mit den Themen Film und Kino beschäftigen, auch auf Englisch und sogar auf Deutsch. Einige dieser Titel wurden mit überschaubaren Mitteln von ambitionierten Cineasten oder Kommunalen Kinos publiziert. Andere setzten, solide budgetiert, die filmjournalistischen Standards. In Deutschland spielten dabei die Kirchen eine wichtige Rolle, die kurz nach dem Krieg mit dem “Evangelischen Film-Beobachter” (heute “epd-Film”) und dem katholischen “Film-Dienst” medienpädagogische Kompetenz für sich reklamierten. Das war nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht, weshalb diese Zeitschriften bis heute so unentbehrlich sind wie konfessionell getragene Krankenhäuser. Auch die intellektuelle Linke, die (wie die Kirchen) neben künstlerischen vor allem gesellschaftliche Ansprüche an das Filmschaffen hatte, brachte einige wichtige, langlebige Filmzeitschriften hervor, zum Beispiel die “Positif” in Frankreich und die deutsche “Filmkritik”, deren erster Satz im ersten Heft lautete: “Wir wollen es mit Walter Benjamin halten: Das Publikum muß stets unrecht erhalten und sich doch durch den Kritiker vetreten fühlen.” Ein Anspruch, bei dem so manchem Filmfreund das Popcorn im Halse steckenbleiben mußte. Denn in den dreißiger und vierziger Jahren dominierten Illustrierte wie “Filmwelt” und “Filmwoche” die deutsche Szene mit luftig-launigen Schauspielerportraits oder jovialer Propaganda. Sehr frühe Periodika wie die “Lichtbild-Bühne” (ab 1908) oder der “Film-Kurier”, eine erstmals 1919 herausgegebene und teils publikumsorientierte, teils mit Fachbeiträgen gefüllte Zeitung, sind praktisch nur noch in Filmmuseen erhalten, während seine Beilage (später spin-off) “Illustrierter Film-Kurier”, die berühmte Programmheft-Reihe, bis heute fleißig gesammelt wird.
In meinem Versand-Antiquariat, das schwerpunktmäßig Filmbücher verkauft, gebe ich den Zeitschriften einen immer größeren Raum. Das liegt einmal daran, daß ich sie bei meinen Buchankäufen fast immer in großer Zahl vorfinde: Wer Filme liebt und Bücher dazu kauft, ist meist auch treuer Abonnent mehrerer Filmzeitschriften und möchte sie ebenso wie die Bücher in gute Hände geben. Auf der anderen Seite gibt es viele Gründe, solche Zeitschriften zu sammeln und zu archivieren. Manche Ausgabe widmet sich ausschließlich einem einzigen Regisseur, Spielfilm oder Genre. Geht es um Themen abseitig des Mainstream, sind Hefte mit derart monographischem Charakter oft die einzigen Fachveröffentlichungen überhaupt. Immer ist es unterhaltsam, die zeitgenössischen Kritiken aus dem Premierenjahr zu lesen und mit der heutigen Rezeption des Filmes abzugleichen. Meine Kunden, die teilweise selbst Filmschaffende sind, suchen außerdem Fachbeiträge zu konkreten technischen, filmtheoretischen oder wirtschaftlichen Themen, die oft auf dem Niveau eines Fachbuches abgehandelt werden. Fans sammeln sämtliche Titelbilder einzelner Schauspieler. Komplettisten versuchen Lücken in den Jahrgängen ihrer Sammlungen zu schließen. Da Kino auch immer eine stilbildende Funktion hatte, werden ältere Zeitschriften von Mode- und Architektur-Interessierten gesucht. Typisch dafür natürlich die Epoche der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Kino sich schon einen festen Platz in der Unterhaltungsindustrie erobert hatte und Diven und Helden auf den Titelblättern gefeiert wurden. Wie oben erwähnt, sind gut erhaltene Ausgaben dieser Zeit jedoch selten, da die Deckel, die Bücher über Jahrhunderte erhalten, den Zeitschriften fehlen und sie ja per Definition für den Augenblick und nicht für die Ewigkeit gemacht wurden. In letzter Zeit habe ich begonnen, einzelne, besonders relevante Artikel gesondert zu erschließen. Auf diese Weise können auch fragmentarisch erhaltene Hefte verwertet und wenigstens in Teilen den Filminteressierten zugänglich gemacht werden. In diesem Zusammenhang seien auch Ausschnitte aus branchenfremden Illustrierten und Tageszeitungen, sogenannte Clippings, erwähnt. Gehandelt werden spektakuläre Meldungen (Hochzeit, Tod) über Schauspieler-Karrieren und Artikel renommierter Filmkritiker früher Jahre. Veröffentlichungen von Lotte H. Eisner, Frieda Grafe, Béla Balázs uns Siegfried Kracauer sind bei Cineasten begehrt.
Die Bandbreite der weiteren in meinem Antiquariat gefragten Filmzeitschriften erstreckt sich vom Branchenblatt “Film-Echo” (nicht nur für Kinobetreiber) und die brillant gemachte “Steadycam” über die “Filmfaust” und die feministische “Frauen und Film” bis zur abseitigen “Splatting Image” (für die der Genrebegriff “Horror” zu kurz greifen würde). Zu den internationalen Titeln, die ich gleichermaßen nach Deutschland wie ins Ausland verkaufe, gehören die französische “L’Avant-Scène du Cinéma”, die amerikanische “Film-Culture” (herausgegeben vom Experimental- und Underground-Pionier Jonas Mekas) sowie die seit fast 80 Jahren vom British Film Institute verlegte “Sight & Sound”. An Filmprogrammen der Reihe “Illustrierter Film-Kurier” habe ich zur Zeit etwa 400 Titel im Katalog.



